Seitenblick Verlag Leseprobe aus »Der Liebe ganze Härte« Marie Jo: Der Liebe ganze Härte Marie Jo: Der Liebe ganze Härte »Ich habe es absichtlich getan«, sagt er ruhig, »Ich habe gewusst, dass es dich treffen würde. Naja, ich muss zugeben, dass ich es nicht für ganz so hart für dich hielt. Das war vielleicht ein kleiner Fehler. Aber ich wollte dich treffen, damit du nachdenkst.«       Er sitzt auf meinem Bett und schaut zu mir herüber, aber ich halte den Kopf gesenkt, beobachte die Staubflocken auf dem Holzfußboden, die sich grundlos zu bewegen scheinen, so wie sich auch meine Gefühle immer grundlos zu bewegen scheinen oder sollte man statt »grundlos« sagen: »mit unangemessener, übertriebener Heftigkeit«?       »Ich hätte Nicoles Nummer auch von H. oder Sato bekommen können, das ist dir doch klar. Es ging mir wirklich darum, dass du nachdenkst.«       Ich denke doch schon viel zu viel nach. Ich höre doch schon überhaupt nicht mehr auf nachzudenken. Worüber denn jetzt schon wieder?       Er steht vor mir, und wenn ich so wie jetzt auf meiner Schreibtischkante sitze, sind wir gleich groß und ich könnte ihm direkt in die Augen sehen, aber ich möchte nicht noch mehr von mir preisgeben als ich es durch meinen gestrigen Nervenzusammenbruch schon getan habe, der mich ärgert, denn ich hätte mich gerne cool und souverän verhalten – schließlich habe ich es nicht nötig, jemandem hinterherzulaufen, einzigartig wie ich bin – meine Krankenkasse hat Tausende ausgegeben, um mich an meinen eigenen Wert glauben zu lassen, nicht wahr? So sähe ich mich gerne: völlig ungerührt, unantastbar, eine zynische Beobachterin von Vorgängen, an denen ich mich höchstens als Schauspielerin beteilige. Dummerweise gehe ich in meinen Rollen auf – ich sollte damit Geld zu verdienen versuchen. Soviel Authentizität, beneidenswert, bemitleidenswert. Ich geh auf Glas bei allem, was du tust – und jetzt ist der erste Sprung zu sehen.       »Denk darüber nach, was du mir unterschrieben hast«, sagt er.       »Ich weiß, was ich unterschrieben habe«, sage ich.       »Ich frage mich, ob du es wirklich weißt. Der Vertrag lässt mir alle Freiheiten, auch die, etwas mit Nicole oder irgendeiner anderen Frau zu machen. Wenn diese Abmachung zwischen uns gilt, hast du kein Recht auf mich. Und ich bin wirklich kein Mann, der Nein sagt, wenn eine schöne Gelegenheit seinen Weg kreuzt.«       Ich schlucke. Mein Fehler, ihn diesbezüglich falsch eingeschätzt zu haben. Auch intellektuelle Männer sind Männer. Und ich bin eine Affäre und mache mich seit einigen Tagen ununterbrochen lächerlich. Tränen der Scham steigen mir in die Augen. Werde endlich hart, Marie. Bitte. So kann es doch nicht weitergehen.       »Wie soll das denn jetzt mit uns weitergehen?«       Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? Was meint er damit? Er hat keine Lust mehr auf eine Fortsetzung, weil ihm meine Gefühle unangenehm sind – was soll es sonst heißen – oh bitte nicht, ich hasse diese Welt!       »Was meinst du damit?« Meine Stimme so unbewegt (so rau, so zittrig).       »Bis jetzt haben wir eine Art gleichberechtigte Freundschaft mit der Besonderheit, dass ich dich sexuell benutzen kann, wann immer ich will. Das ist die Art S/M-Beziehung, die ich immer hatte, und das reicht mir im Prinzip auch. Aber du hast mir ja ein viel weitergehendes Versprechen gegeben. Du hast versprochen, meine Sklavin zu sein, und das setzt ein völlig anderes Verhältnis zwischen uns voraus. Eines, in dem ich mich nicht dafür entschuldigen würde, vielleicht einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Und ich frage mich und deshalb jetzt auch noch einmal dich, ob du das wirklich willst. Ich möchte sozusagen eine zweite Unterschrift.« (Keine Trennung!)       Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, dass er alles, was ich in dem Vertrag versprochen habe, mit mir machen kann, wenn ich mir nur sicher sein darf, die einzige Frau zu sein, zu der er ein solchermaßen intensives Verhältnis hat, die Sklavin zu sein, die mehr bedeutet als der One-night-stand, die One-night-session. Ich komme mir kindisch vor und weiß zugleich, dass ich die Unsicherheit, ob eine andere Frau gerade dabei ist, mich von meinem Platz zu verdrängen, und all die damit verbundenen Selbstzweifel, die eine S/M-Beziehung unmöglich machen, weil nur ein starkes Selbstwertgefühl die Demütigung psychisch unschädlich sein lässt, nicht aushalten könnte. Es ist noch immer ein großer Schritt für mich. B. und ich waren uns treu, absolut monogam. Die nächste Stufe ist es, One-night- Geschichten zu ertragen, ohne den Glauben an die eigene Bedeutung zu verlieren. Es ist schwer. Ach nein, Marie, es ist leicht, sieh's locker, komm auf den Boden der Tatsachen zurück –       Ich weiß nicht, wie ich es ihm erklären soll und versuche es trotzdem. Ja, ich habe einen einseitigen Vertrag unterschrieben. Ich hielt das Gegenversprechen meines Herrn für eine Selbstverständlichkeit, eine Frage der Ehre. D. lacht.       Ich bin eine unterhaltsame Sklavin mit Tränen in den Augen. Ich erhalte das Gegenversprechen nicht. Ich erhalte nur das Versprechen, dass mir sofort und ehrlich mitgeteilt wird, wenn er tiefergehendes Interesse für eine andere Frau empfindet. Ich unterschreibe daraufhin ein zweites Mal. Ich will nicht, dass es aufhört. Ich will, dass es weitergeht, will es ganz. Ich bin nie feige gewesen. (Nur manchmal unvernünftig.)       Ich unterschreibe ein zweites Mal, dass er Sir Stephens Rechte hat.       »Gut«, sagt er. »Gut so.«       Wie in einem Computerspiel: Wir haben den ersten Schwierigkeitsgrad geschafft, Glückwunsch, Musik, schaffen wir den nächsten auch noch, gibt es Bonuspunkte, schaffen wir den nächsten nicht, gibt es aber kein Zurück und wir müssen zusehen, wie unser Bildschirmego zerstört wird, und in diesem Spiel hat es nur ein Leben, weswegen es auch so verdammt riskant ist, die Figur von dem warmen roten Bildhintergrund der Stufe eins in die blaue Welt der Stufe zwei zu heben, aber es ist ja bekannt, dass nur wer wagt, gewinnt.       Eben nahm er mich noch einmal kurz in die Arme, dann drückt er mich nach unten, bis mein Gesicht seine Schuhe berührt. Dann sitze ich vor ihm auf dem Boden, während er sich auf meinem Sofa ausstreckt. Die Atmosphäre zwischen uns hat sich plötzlich verändert, und ich habe Angst vor diesen Folgen meiner Entscheidung; ich genoss das bis dahin existierende Verhältnis zwischen D. und mir, das sich eigentlich auch nach meinem zweiten Versprechen nur mit der ihm eigenen Dynamik fortentwickeln sollte, und jetzt hat es geradezu einen Satz nach vorne getan, und in mein mulmiges Gefühl mischt sich immer wieder der Satz: Ich habe es nicht anders gewollt. Ich habe es so gewollt. Zu all diesem habe ich Ja gesagt, nachdem ich einen Vorgeschmack darauf erhalten hatte, was mein Ja bedeutet.       »Wir brauchen etwas mehr Disziplin, das siehst du wohl ein. Etwas mehr Respekt –«       (Ja.)       »Du wirst mich in Zukunft siezen und mit Herr oder Meister anreden.«       (Unmöglich, so unvorstellbar wie das Danke für Schläge.)       »Du wirst dich in Zukunft nicht mehr ohne Erlaubnis von mir auf einen Stuhl, dein Sofa, dein Bett oder deinen Tisch setzen, sondern nur noch auf den Boden. Hast du mich verstanden?«       »Ja.« (Ja, Herr.)       »Du wirst mich fragen, ob du auf die Toilette gehen darfst.«       »Ja.« (Ja, Herr.)       »Du darfst mich normal begrüßen wie du es immer tust, aber dann wirst du als erstes vor mir niederknien. Ist das klar?«       »Ja.« (Ja, Herr.)       »Und jetzt bitte wiederholen.«       Ich wiederhole, und er verleiht den neuen Anforderungen mit seinem Gürtel soviel Nachdruck wie es die Anwesenheit meiner beiden Mitbewohnerinnen zulässt, die durch die nicht verschließbare Tür keine Schreie hören dürfen. Und trotz dieser Warnung gebe ich ihm anschließend eine kleine Kostprobe von meiner Fähigkeit, Sätze so zu formulieren, dass eine Anrede darin nicht vorkommt. Er ist zu intelligent, um es nicht sofort zu merken, aber Aljas und Karins Stimmen im Flur gewähren mir Schutz vor drastischeren Sanktionen. Außerdem muss er auch schon wieder gehen. Er steht auf und ich tue es ihm gleich. Es geschieht automatisch.       »Wer hat dir das erlaubt?« Kalt, ungeduldig, wütend. Ich werde rot. Ich kann nicht entscheiden, wann die Situation vorüber ist. Vielleicht wird sie jetzt nie mehr vorüber sein, bevor er die Wohnung verlassen hat. Ich verstumme und schäme mich plötzlich für ein Stück nackter Haut, das unter meinem Kleid sichtbar ist, als ich jetzt wieder auf dem Boden knie.       »Du bist klug genug, um einschätzen zu können, wann du zu fragen hast, bevor du etwas tust«, sagt er. »Du kannst jetzt aufstehen«, sagt er und zeigt auf seinen Mantel, den ich hole und in den ich ihm hineinhelfe ohne darüber nachzudenken, denn mein Kopf ist voller anderer Gedanken. Ich bringe ihn zur Tür. An dieser Tür werde ich ihn auch wieder begrüßen, ein leicht spöttisches Hallo und eine Umarmung wie immer, dann werde ich vor ihm niederknien, dann werde ich fragen »Darf ich Ihnen Ihren Mantel abnehmen, Herr?«, »Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Meister?«, »Darf ich Ihnen ein Stück Schokolade anbieten, Herr?«, und »Möchten Sie heute wieder ein Bad nehmen, Herr?«       Werde ich?       Noch bin ich M., nicht O.       Ich lese mein eigenes Buch, kann es wieder und wieder tun, auf meinem Bett liegend, träumend, die Szenen wie eine Regisseurin in meinem Kopf wiederholend, als ob ich neben mir stünde, sehe ich mich selbst, und das Bild von der gefesselten Frau auf dem Bett gefällt mir gut – aber nur mir. Meine Umwelt hat Probleme damit und kann dennoch nicht aufhören, immer nur dieses Bild mit mir zu assoziieren, als ob diese Neigung meine ganze Persönlichkeit ausmachen würde. Mein Ex-Lover machte den Anfang und profitiert von der Annahme, dass man einander nach fast sieben gemeinsam verbrachten Jahren relativ gut kennt. Er macht im gemeinsamen Bekanntenkreis gegen mich mobil, erfahre ich von verunsicherten Leuten, denen er von seinen Sorgen um mich erzählt hat. »Das ist nicht Marie«, sagt er. Ich tue was ich tue, um mir selbst zu schaden, höre ich. Weil ich die Trennung nicht verkraftet habe, zerstöre ich meinen Körper und meine Psyche, fühle mich wie der letzte Dreck, da er mich verlassen hat, da ich ihn nicht halten konnte, und lasse mich deshalb behandeln wie den letzten Dreck. Ich bestrafe mich selbst für mein Versagen in der Beziehung, sagt mein besorgter, selbstgerechter Ex-Lover, ich zerstöre mein Leben auf Raten, weil es mir ohne ihn nicht mehr reizvoll erscheint, ich lasse mich blau und grün schlagen für eine winzigkleine Zärtlichkeit, die ich anders nicht bekommen kann. Das Gift wirkt. Meine beste Freundin Jolin, die auch mit ihm sehr gut befreundet ist, hat den Kontakt zu mir abgebrochen, obwohl ich sie immer für eine verwandte und gleichermaßen finstere Seele hielt, die mit mir hinter die Fassaden der Wohlanständigkeit schaut. Ich habe mich geirrt. An meinem Fenster sitzend starre ich in die Nacht hinaus, deren Lichter vor meinen Augen verschwimmen. Zukünftig werde ich die Gruftie-Konzerte alleine besuchen, vielleicht wenige Meter neben Dir stehen, ohne es zu wissen. Einen Wochenendgruftie nanntest Du mich liebevoll, Deine Haare waren im Gegensatz zu meinen immer tiefschwarz gefärbt, aber schau an, wessen Seelchen jetzt so zartbesaitet ist, dass der Teufel es Dir nicht abkaufen würde, selbst wenn Du ihn endlich triffst. Ach Jolin, Du konntest es mir nicht einmal selbst sagen. Wenigstens das haben Alja und Karin getan. Wir setzen uns zum WG-Gespräch zusammen, um festzustellen, dass es die WG nicht mehr gibt. Sie fürchten sich vor D., einem »Mann, der Frauen schlägt«. Sie wollen ihn nicht kennenlernen. Sie fühlen sich in der Wohnung nicht mehr sicher. Aljas Kündigung überrascht mich weniger, aber auch Karin, meine Freundin Karin, stets interessiert und vorurteilsfrei, kann die Praxis nicht ertragen, so faszinierend die Theorie auch sein mag. Ich fange zu weinen an, als ich endlich begriffen habe, dass unser Zusammenleben wirklich in einem Monat beendet sein wird. Alja streckt ihre Hand nach mir aus, aber ich sehe nur noch Heuchelei um mich herum, auch Karin hat Tränen in den Augen, ich springe in hilfloser Wut auf und brülle irgendetwas, knalle die Tür hinter mir zu, aber es ist unumstößlich. Sie wollen beide mit mir sprechen, bezichtigen sich selbst reuig der Intoleranz, erzählen von ihrem Schrecken über sich selbst, von ihrer ungebrochenen Sympathie für mich, obwohl das Zusammenleben mit mir unmöglich geworden ist, weil es letztendlich einfach nicht zu begreifen ist, dass eine Frau sich von einem Typen schlagen lassen kann, bitte nimm es nicht persönlich, Marie.       »Es wäre etwas anderes, wenn du Männer schlagen würdest«, sagt Karin.       Verzeiht mir, dass ich nicht political correct bin. Ich will es nicht sein. Ich möchte einfach nur weit weg sein, als ob mich dieses armselige Drama nichts anginge. Keine meiner männlichen S/M-Bekanntschaften hat sie am Telefon belästigt, keine finsteren Ledergestalten haben die Wohnung betreten, ich bin nicht meine Striemen zeigend halbnackt vor ihnen herumgelaufen, ich habe nur noch auf Nachfrage etwas erzählt, keine Schreie kamen aus meinem Zimmer, wenn eine von ihnen in der Wohnung war, und niemals haben sie in meinem Raum mehr als die Fesseln an meinem Bett und mein Halsband herumliegen gesehen. Und doch reicht die Ahnung von der düsteren Leidenschaft, um eine ansonsten gut funktionierende WG zu sprengen. Ich liebte diese beiden Frauen. Ich kann nicht begreifen, was passiert.       »Ich kann dich so gut verstehen«, sagt Karin. »Auch ich habe Freunde verloren, als ich mein Coming Out als Lesbe hatte.« Ach, Karin! Das ist genau die Art von Alltagszynismus, mit der wir uns so gerne im Flur begegnet sind.       B., Jolin, Alja und Karin. Als ob ich nicht mehr derselbe Mensch wäre –       Hey, Freunde, lasst uns um eine selbstgemachte Pizza wetten, wer als nächstes geht! Umfirmierung: Aus libri.de wurde eBook.de. Gedruckte Bücher werden dort weiterhin geführt.