Seitenblick Verlag
Leseprobe aus »Hummeln fallen waagrecht«
Der Schmerz bohrte sich in seinen Kopf, und er versuchte, die Hände freizubekommen, aber es gelang
ihm nicht. Sein Pulsschlag raste. Die Laken unter ihm schweißgetränkt, sein Körper vollkommen nackt,
er hätte frieren müssen, und tatsächlich war ihm innerlich kalt, aber er spürte ihre Hitze, und das noch
viel eisigere Feuer, das in ihr brannte. Und die eisige Hitze des Schmerzes, die ihn umklammert hielt.
Er wollte schreien, aber der Knebel saß zu fest. In seinem Kopf wütete Panik, ließ ihn keinen klaren
Gedanken fassen. Reißen und zerren, und dann drückte sie ihn wieder in die Kissen, daß er Angst
hatte, keine Luft mehr bekommen zu können, Lichtblitze vor seinen Augen, so dicht vor dem Abgrund
der Bewußtlosigkeit, nur wieder zurückgerissen von dem Schmerz in seinem Rücken, er brüllte in
seinen Knebel. Brüllte und brüllte. Eine Flüssigkeit zwischen seinen Schulterblättern, war es heißes
Blut oder kalter Schweiß, er konnte es nicht sagen. Dann neue Schläge, er bäumte sich auf, warf den
Kopf in den Nacken, kugelte sich beinahe die Arme aus den Schultern bei dem Versuch freizukommen.
Er versuchte die ganze Zeit schon, nicht an diesen Punk auf der SM-Party in Mannheim zu denken,
einen Schutzdamm vor der Flutwelle der Panik in seinem Geist aufzubauen, während zähflüssige Lava
seine Wirbelsäule herabrann. Worauf hatte er sich da eingelassen? Es gab kein Codewort mehr, das
er zu seiner Rettung hätte hervorstoßen können, der Knebel wurde immer dicker und gewaltiger in
seinem Mund und wanderte langsam in Richtung Rachen. Thomas spürte, daß er jeden Augenblick
daran ersticken konnte, und sein Zwerchfell kauerte sich voller Furcht zusammen. Chiara dachte noch
nicht einmal mehr daran, ihm in die Augen zu sehen, aber selbst wenn sie bereit gewesen wäre, die
allzu deutliche Botschaft in Thomas' geweiteten Pupillen zu lesen, hätte sie nicht mehr innehalten
können. Ihr Körper bewegte sich mit der kalten kinetischen Energie einer Maschine und hatte sich über
jede mentale Steuerung längst hinweggesetzt. Jetzt bestieg sie Thomas von hinten, und er fühlte, wie
seine Arschbacken voller Gewalt auseinandergepreßt wurden. Dann rammte sich ein betonharter
Pfeiler in ihn hinein, drohte ihn von unten bis oben aufzuspalten. Alles, was Thomas in der letzten
halben Stunde als Schmerz erfahren hatte, war ein Kinderspiel dagegen gewesen. Ein Funkenregen
sprühte zwischen seinen Schläfen, und in seinen Ohren gellten Chiaras Schreie, Schreie eines lange
zurückgehaltenen Zorns, der wie ein entfesselter Sturmwind tobte, aber nicht nur die Landschaft zum
Schlachtfeld machte, sondern sich sogar in ihre unterirdischen Tiefen hineinbohrte. Thomas'
Eingeweide glühten vor Qual. Chiara, den Dildo straff umgegürtet, keuchte bei jedem Stoß einen
weiteren wild auflodernden Laut ihrer Wut hervor und schlug damit in derselben Sekunde in Thomas'
Ohren hinein wie der Stoß in seinem Hintern seinen gesamten Körper durchfuhr und gegen seine
Schädeldecke hämmerte. Thomas konnte es selbst kaum glauben, daß er noch bei Bewußtsein war.
Selbst auf Vaseline oder irgendein anderes Gleitmittel hatte sie verzichtet. Er mußte da unten schon
längst angefangen haben, aus klaffenden Wunden Blut zu sprudeln. Lag es daran, daß der Dildo
immer schneller hineingerammt werden konnte, oder war Chiara längst im erbarmungslosen Griff von
Mächten, denen sie genausowenig entkommen konnte wie Thomas seiner perfiden Fesselung? Er riß
ein weiteres Mal wie ein Wahnsinniger, aber es war vollkommen aussichtlos. Dann spürte er, wie
Chiaras Fingernägel über seinen Rücken rasten, die Haut aufrissen, geradezu hineinzufahren schienen
und im Fleisch herumwühlten. Thomas hatte den Eindruck, daß sie in wenigen Sekunden sein
Rückenmark komplett freigelegt haben mußte. Sein Arschloch explodierte förmlich vor Schmerz.
Chiara kreischte. Er versuchte ein letztes Mal verzweifelt, den Knebel hervorzuwürgen. Seine
Armmuskeln fühlten sich wie fest verknotet an. Es würde nicht mehr lange dauern, und sein Körper
würde in seine Einzelteile zerlegt sein wie eine ausrangierte Plastikpuppe. Ein elektrischer Orkan aus
reiner Qual durchfegte all seine Nervenfasern, vom obersten Punkt seines Scheitels bis zu der
äußersten Stelle seiner Zehen. Er wurde willenlos herumgeschleudert in einem Meer aus Glut.
Plötzlich brach Chiaras Stimme, ihr letzter Schrei war zum schrillstmöglichen Höhepunkt
emporgestoßen und kippte jetzt hinüber in die Tiefe. Gleichzeitig hielt sie inne damit, seinen Rücken
aufzureißen und seinen Hintern zu spalten. Trotz des blutroten Schleiers, der ihn umfangen hielt,
bekam Thomas mit, wie sich ihr Gewicht von seinem Körper löste und sie sich beiseite fallen ließ,
neben das Bett, auf den Fußboden. Ihr schweres Atmen wurde von dem Rauschen in Thomas' Ohren
ertränkt. Er war glücklich, daß immerhin nicht mit jeder Sekunde neuer Schmerz in solchen Mengen
hinzukam, aber seine Arme, Schultern, Beine, sein Rücken und sein Hintern brannten immer noch
lichterloh. Und er konnte immer noch nicht richtig atmen, die Luft wurde ihm teils durch den Knebel,
teils durch seine ungünstige Bauchlage mehr und mehr abgeschnürt. Er grunzte in panischer
Verzweiflung.
Tage später kam Chiara endlich wieder zu sich. Sie starrte Thomas fassungslos an, stemmte sich
mit aller verbliebenen Kraft in die Höhe und schleppte sich schwer zu seinem Bett hinüber. Sie zögerte
einen Augenblick, dann zerrte sie als erstes den Knebel zwischen Thomas' Zähnen hervor. Pfeifend
schnappte er nach Luft, noch nicht in der Lage, auch nur irgendein Wort zu sagen. Sie machte sich an
seinen Handfesseln zu schaffen, hatte Schwierigkeiten, sie zu lösen, weil er sie in seinen hilflosen
Versuchen, sich zu befreien, nur immer fester zugezerrt hatte. Endlich aber schaffte sie es. Dann tat
sie dasselbe bei den Beinfesseln, wo es ihr wesentlich leichter gelang. Schließlich wankte sie, immer
noch nackt bis auf den umgeschnallten Dildo, aus dem Zimmer hinaus. Thomas richtete sich vorsichtig,
ganz vorsichtig, auf. Seine Muskeln brüllten bei dem Versuch. Am liebsten hätte er sich auf den
Rücken gedreht und erst einmal seine Arme massiert, aber das war völlig ausgeschlossen. Auch sein
Hintern war ein einziges Inferno. Thomas war frei, wußte aber immer noch nicht, wie er sich bewegen
sollte, ohne neue Pein hervorzurufen. Also blieb er halb auf der Seite liegen, starrte aus
tränenüberströmten Augen in die Leere und mußte das Auf- und Abbranden der Schmerzwellen durch
seine Glieder einfach ertragen. Nebenan im Bad konnte er Chiara sich erbrechen hören. Sie schien
sich von der Schüssel gar nicht mehr lösen zu können.
Langsam ließ das flammende Klopfen in Thomas' Armen nach, und er konnte sie wieder bewegen
und vorsichtig reiben. Er hatte keine Ahnung, ob er das Richtige tat, aber es schien zu funktionieren.
Schließlich rollte er sich halb von dem Bett, um sein Körpergewicht nicht auf seine Sitzfläche legen zu
müssen. Breitbeinig stakste er zu einem Wandspiegel hinüber und besah sich über die Schulter hinweg
seine Rückseite. Es war kein schöner Anblick, aber von seinen Empfindungen her hatte er es sich
wesentlich schlimmer vorgestellt. Chiara hatte ihm eine größere Hautfläche blutiggerissen, aber das
würde wieder heilen. Thomas hatte allerdings keine Ahnung, wie er das seinem Hausarzt erklären
sollte.
Dann wankte Chiara wieder ins Zimmer, und Thomas war hin- und hergerissen, ob er sie
anschreien sollte, versuchen, ein Gespräch zu führen, oder ihr einfach links und rechts eine
runterhauen sollte, daß ihr Hören und Sehen verging. Allerdings machte sie einen fast noch
bedauernswerteren Eindruck als er, und als sie ihn schuldbewußt anstarrte, schossen die Tränen auch
in ihre Augen. Thomas war sprach- und fassungslos, dann spürte auch er einen Würgereiz in sich
aufsteigen und rannte ins Bad.
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