Seitenblick Verlag Leseprobe aus »Sehnsucht nach der Nacht in deinen Augen« In der Hoffnung, daß die Erinnerungen an die schönen gemeinsamen Stunden die Atmosphäre entspannen würden, hatte Jan die ihnen bekannte Suite im Parador von Chinchón reserviert. Dennoch hätte er diesen Freitag am liebsten aus dem Kalender gestrichen. Es goß in Strömen, und das Paar schaffte es erst bei Abenddämmerung, Nuria abzuholen.        Im Hotel waren sie fast die einzigen Gäste. Nuria erschrak, als Jan dem Pagen auch den kleinen, schwarzen Samsonite mit den Marterinstrumenten anvertraute. Sie schaute ihn beunruhigt fragend an, ohne Antwort zu erhalten, vielmehr vermied Jan vorsätzlich ihren Blick.       Der Kellner rollte das Abendessen auf einem Teewagen durch die Türe, während Anne und Nuria noch im Bade saßen.        »Erinnerst du, einst angeboten zu haben, dich von mir so beherrschen zu lassen, wie Jan es tut?«        Aufmerksam suchte Anne nach einer Antwort in Nurias Ausdruck. Gewiß, sie entsann sich, aber seitdem war viel geschehen. Nuria war nicht mehr die gleiche Frau, erwartete längst den Wendepunkt, von dem ab sie das Spiel bestimmen würde. Ihr Verhältnis zu Jan hatte feste Formen angenommen und bedurfte keinerlei Ergänzung. Nuria hatte weder das Bedürfnis, noch war sie gewillt, diese heimliche Welt mit Anne zu teilen, verstand jedoch sofort, daß Anne genau das beabsichtigte. Das Anliegen kam so plötzlich wie unerwartet. Da Jan den Samsonite mitgenommen hatte, blieb kein Zweifel, daß er sich zuvor mit Anne abgesprochen hatte. Plötzlich sah Nuria sich in die Enge gedrängt. Dennoch, dieses Mal blieb ihr lediglich übrig, fügsam zu sein. Wenn sie brüsk ihre Gedanken offenlegte, bestand die Gefahr, daß ihr Mikado zerfiele. Deshalb sagte sie so ruhig sie konnte: »Ich entsinne mich sehr gut. Hast du jetzt dieses Bedürfnis?«        »Ich will zumindest dabei sein.«        Anne schien der Auffassung zu sein, daß Nurias Preisgaben darin bestünden, ihren Körper immer wiederkehrenden Flagellationen darzubieten. Ihre Phantasie hegte keinerlei Vorstellungen andersartiger Formen der Unterwerfung.        »Willst du mich schreien hören?«        »Ich möchte erfahren, was du aushältst, bevor du um Gnade flehst.« Es klang spöttisch.       »Und wenn ich es nicht täte?«        »Das wäre deine Angelegenheit.«        Gleich darauf geschah Erstaunliches: Unversehens fand Nuria sich mit ihrem Schicksal ab und vertauschte Überraschung und Unsicherheit gegen aktive Beihilfe zur eigenen Auslieferung. Anne hatte die Freundin nie zuvor in solchem Zustand erlebt. Nachdem Jan Nuria aus dem Bade geholfen, trockengerubbelt und in Wohlgerüche gehüllt hatte, entließ er sie nackt aus den Händen. Im angrenzenden Zimmer öffnete sie den ihr geläufigen Zahlenverschluß des kleinen Koffers, und als Anne und Jan nachkamen, trug sie bereits die Attribute der eigenen Auslieferung. Jan küßte Nuria, ohne sie sonst zu berühren. Dabei begegneten sich die Blicke der Frauen, die eine völlig nackt, die andere im verhüllenden Morgenmantel unweit hinter Jan verharrend. Nurias Ausdruck bezeugte Selbstbewußtsein und Trotz, und Anne war bestürzt, sich selbst bei erregter Neugierde auf das Bevorstehende zu überraschen. Sie hatte von Jan verlangt, nicht eher von Nuria abzulassen, bis diese um Gnade bitte. Jan hatte weder ja noch nein gesagt. Er setzte sich in einen Sessel und betrachtete die Nackte, und Anne tat es ihm gleich.   Das Geschehen erinnerte sie an eine merkwürdige Begegnung mit einem Bettler, die sie nie vergessen würde. Er war ein etwas fettleibiger, jedoch gutaussehender Vierzigjähriger. Bleich geschminkt wie eine Puppe, mit Stresemann, Lackschuhen, Galoschen und Handschuhen bekleidet, stand er an jenem kalten Vorweihnachtsabend unbeweglich auf der Kante einer Steinbank vor dem Eingang des großen Kaufhauses, wobei er die Unterarme wie eine Marionette angewinkelt hielt. Wann immer vorbeispazierende Betrachter ein Geldstück in den am Boden vor ihm liegenden Zylinder warfen, vollführte er, wie ein Automat, eine den Rumpf drehende und gleichzeitig nickende, federnde Bewegung, um gleich danach erneut zu erstarren. Anne war stehengeblieben, hatte ihm zugeschaut und dabei Mitleid, aber auch Bewunderung empfunden, nicht nur für die vollkommene schauspielerische Leistung, sondern den Mut, sich auf solche Weise zur Schau zu stellen. Schließlich hatte sie ihm einen ansehnlichen Betrag in den Hut geworfen.   Aber welche innere Triebfeder veranlaßte Nuria, sich so darzubieten? Wie brachte sie es fertig, stolz und aufrecht zu wirken, anstatt Selbstverachtung und Scham zu empfinden?        Anne durchforschte neugierig den Inhalt des Samsonitekoffers und nahm das eine und andere seltsame Ding in die Hand, um es eindringlicher zu betrachten. Dabei stieß sie auf manche Zeugen einer ihr unverständlichen Welt.   Zwischen Annes Begierde zu erfahren, wie Nuria auf die bevorstehende Marter antworten würde, und die eigene Tat fiel eine unüberbrückbare Kluft. Verwirrt bedachte sie, der Anlaß des Geschehens zu sein, und war beschämt, als habe man sie bei einer großen Lüge ertappt.        In Nurias Gesicht vermochte sie weder Aufforderung noch Zurückweisung, Haß oder Liebe, Angst oder Widerstand zu lesen. Anne war zu aufgeregt, um sich zu setzen. Ungeduldig wartete sie darauf, daß Jan etwas täte. Dieser aber ließ geraume Zeit verstreichen, bevor er Nurias Hände hinter dem Rücken zusammenschnallte, ihre Augen verband, entschieden nach der Halskette griff und sie zu Tisch zog, auf dem das Abendessen gedeckt war.        Er befahl Anne, sich neben sie zu setzten, servierte Speisen, füllte die Gläser mit Wein und verlangte, Anne möge die Blinde füttern. Er saß den Frauen gegenüber und kostete das bizarr ins Werk gesetzte Schauspiel aus.        Somit hatte Jan doch erreicht, daß Anne tätig teilnahm. Sie mußte Nuria wie ein Objekt behandeln. Allein Jan sprach, wobei er herausfordernd obszöne Worte benutzte, um das absonderliche Geschehen noch schärfer zu beleuchten. Nuria saß steif mit durchgedrücktem Rückgrat. Jan führte ihr über den Tisch hinweg das Weinglas an die Lippen. Anne verfolgte voller Mitleid, aber unfähig, sich gegen Jans verächtliches Verhalten aufzulehnen, wie ein Teil am Mund vorbei auf Kinn und Brust tropfte.        Nach dem Mahl, bei dem Nuria kaum etwas zu sich genommen hatte, zog Jan sie in den Stand und hinter sich her zu dem mit einem Baldachin überdachten Bett, wo er sie auf der Kante des Fußendes sitzen ließ, um ihren Körper rücklings auf das Laken zu pressen.        Annes Anwesenheit war der gefangenen Frau bereits belanglos. Eine Verbindung bestand nur noch zwischen ihr und Jan.        Anne vermochte sich nicht zu nähern. Einerseits erschöpfte sie sich in Schuld- und Scham-  gefühlen, widersinnigerweise wuchs jedoch ihr Verlangen, Nuria leiden zu sehen, und als Jan sie gleich darauf ins Badezimmer zog, um hinter verschlossener Tür zu fragen, ob sie es beim Bisherigen belassen wolle oder darauf bestehe fortzufahren, blieb Anne trotz pochenden Herzens hart. War es Rache für schon zu viele Zugeständnisse? Jan sah die Gefährtin lange mit leerem Ausdruck an, dann führte er sie zurück bis neben das Bett.        Als Anne gleich darauf die Peitsche in Jans Hand entdeckte, schluckte sie vor Aufregung, Unsicherheit und Furcht.        »Küsse, liebkose und tröste Nuria!« befahl Jan.        Zitternd kauerte Anne auf dem Bett und beugte ihr Gesicht über die Ausgelieferte, nur um sich gleich darauf wieder aufzurichten und wie gebannt auf die niederhagelnden Schnüre zu starren. Solange Nuria keinen Laut von sich gab, vergaß Anne, sich weiter um sie zu kümmern. Erst als diese brummende Laute zwischen den zusammengepreßten Lippen hervorbrachte, bettelten Annes wortlose Gesten, Jan möge innehalten.        Nuria bat, sie wolle sehen, was geschah.        Jan riß sie aus der Dunkelheit, in der sie wirr nach Bildern gesucht hatte. Fasziniert starrte Nuria vor sich auf den Peiniger. Opfer und Scherge wogen einander ab, wechselten jedoch kein Wort miteinander. Ein herausforderndes Lächeln huschte über ihr Gesicht, und Jan schlug nochmals zu, bis Nurias Selbstkontrolle in einem ekstatischen Zustand unterging. Sie würde eher in Ohnmacht fallen als um Gnade bitten.        Anne biß sich, um nicht schreien zu müssen, in die eigene Hand.        Plötzlich ließ Jan die Peitsche fallen, packte Anne beim Nacken, drückte sie mit hartem Griff zwischen Nurias offenen Schenkeln auf die Knie und den Mund an ihren Schoß. Deren Ausdünstungen ließen Anne jedoch zurückweichen. Sogleich zog Jan sie zurück in den Stand, kniete selbst nieder und ließ nicht ab, bis Nuria in einen Orgasmus stürzte.   Anne erschreckte und faszinierte die Wucht, mit der die Frau, die sie zu kennen geglaubt hatte, Wollust empfand. Sie konnte sich weder entsinnen, selbst je so ekstatisch empfunden, noch, Nuria in gleichartiger Blöße erlebt zu haben.        Endlich verharrte Nurias Körper regungslos, scheinbar gelähmt, aber Jans Mund löste sich nicht, sondern schien die Zeit anhalten zu wollen. Jede zukünftige Bewegung mußte die entspannte Stille zerstören. Nurias Kopf war zur Seite gewandt. Tränen liefen über ihre Wange.       Auch nachdem Jan Nurias Hände befreit und den Körper ganz auf das Bett gezogen hatte, verweilte sie starr und stumm. Er näherte sich und küßte der Geliebten Mund. Sie erwiderte seine Zärtlichkeit wie eine Heimlichkeit. Ohne den Kopf anzuheben, verfolgte sie, wie Jan sich entkleidete, und sah, daß er zwar erregt, aber auch erschöpft war. Er hockte nieder und führte ihre Hand, die sie ihm schlaff überließ, an den zweiten Ring an seinem Finger. Da schlang Nuria ihm den Arm um die Schulter.        »Warum verrätst du mich?« flüsterte sie traurig.        Jan war tief beschämt und ohne Antwort.        »Nimm Anne!« raunte sie matt und gab ihn frei. Er wandte sich Anne zu, riß deren Morgenrock auf und zog sie in den Schatten des großen Raumes. Der Titel ist im Onlinehandel nicht immer verfügbar. Sie können ihn aber jederzeit über eine Buchhandlung bestellen oder bei uns direkt anfragen, telefonisch, per Fax oder formloser Mail.