Seitenblick Verlag Leseprobe aus »Im Netz der Meister Teil II« Es reichte Simone. Das war zu viel für heute. Sie loggte sich aus. Aber sie fühlte sich dennoch durch die Chats des Tages animiert. Sie wollte eine Session. Sie rief Gerald auf dem Handy an. Es war Samstag, und er hatte gesagt, dass er am Nachmittag in die Stadt wolle. „Bitte. Heute. Mach mit mir, was du willst, Rule, bitte! Ich brauche es so dringend, ich flehe dich an!“ Das war ihr Code. Am anderen Ende der Leitung war es lange still. „Gerald?“ Seine Stimme klang gelangweilt, aber sehr bestimmt. Seine Befehle waren unmissverständlich. „Ja, Rule. Das werde ich tun. Genau so, wie du es willst.“ Simone sah auf die Uhr: Viertel vor sieben. Es war kein Kunde da, heute war sowieso nichts los gewesen. Rasch zählte sie die Einnahmen: Außer dem Wechselgeld waren fünfundzwanzig Euro in der Kasse. Hatte sie nur dieses eine Buch verkauft? Das war in dieser Woche schon der zweite Tag ohne Umsatz. Nun, jetzt kam es auch nicht mehr drauf an, heute konnte sie nichts mehr verkaufen. Samstags den ganzen Tag zu öffnen, lohnte sich für ihren kleinen Laden eigentlich nicht. Aber Simone war lieber hier und chattete ein bisschen, als zu Hause blöde Hausarbeit zu machen. Sie steckte das Geld in ihre Handtasche, löschte die Lichter, schloss ihr Geschäft ab und lief zu ihrem Auto. Um zehn nach sieben war sie zu Hause. Die Kinder waren nicht da. Klar, Samstagabend. Hatten sie gesagt, wohin sie gingen und wann sie nach Hause kommen würden? Simone wusste es nicht mehr. Sie warf die Handtasche im Flur auf den Stuhl, streichelte dem Hund rasch über den Kopf und ließ ihn in den Garten. Sie zog sich aus. Sie schminkte sich ab und duschte. Dann rasierte sie sich gründlich. Blitzblank, wie er es verlangt hatte. Sie föhnte ihre Haare, wickelte sich in den Bademantel und lief runter, um den Hund wieder reinzulassen. Zehn vor acht. Sie würde es schaffen, wunderbar. Im Schlafzimmer schaltete sie den Fernseher an. Erstes Programm, wie er befohlen hatte. Die Fernbedienung legte sie auf das Gerät. Simone zog die schwarze Kiste unter dem Gitterbett hervor und nahm vier Paar Handschellen heraus. Öffnete sie. Ging auf den Flur, legte die kleinen Schlüssel auf den Boden. Ging wieder ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Drei vor acht. Sie rannte noch mal ins Bad, nahm einen großen Schluck Meridol und gurgelte. Gab zwei Spritzer Parfum ins Dekolleté, wuschelte sich durch die Haare. Sie lief zurück ins Schlafzimmer. „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“ Simone stieg aufs Bett und ließ die Handschellen an ihren Fußgelenken zuschnappen. Legte sich hin. Schob sich das große Kissen unter den Nacken. Die Arme über dem Kopf. Schloss die Handschellen an den Handgelenken. Klick. Klick. Fertig. Wehrlos. Sie atmete tief durch die Nase ein und aus. Geralds Stimme klang ihr im Ohr: „Um acht Uhr siehst du dir die Tagesschau an. Pass gut auf, ich rate es dir! Ich werde die Nachrichten später abfragen, und wehe, du weißt etwas nicht!“ „Jawohl, Rule, danke, ich werde alles tun“, hatte sie gesagt. Der Sprecher hieß Thorsten Schröder. Vielleicht würde er das wissen wollen. Thorsten Schröder. Okay. UN-Klimabericht bestätigt Erderwärmung durch Menschenhand. Mehr als 2000 Menschen durch Tropensturm in Bangladesch getötet. Geplante Erhöhung des Kindergeldes verschoben. Sollte sie sich nur die Schlagzeilen merken oder auch den Inhalt der Beiträge? Simone konzentrierte sich, so gut sie konnte. Pendler können sich weiter die volle Fahrtkosten-Pauschale auf der Lohnsteuerkarte eintragen lassen. Nach Ende der Lokführerstreiks rollen Regional- und Fernzüge wieder. Bundesverkehrsminister Tiefensee plant neues Job-Modell für Bahnprivatisierung. Das konnte sie sich nie im Leben alles merken! Simone grinste. War das ein Grund für eine geile Strafe? Moment, was hatte er gesagt? Mist, irgendwas mit der Merkel. Ob die wohl auch maso war? Die guckte manchmal einfach so. Konzentration. Wieder die Hälfte verpasst. Auseinandersetzungen zwischen Kurden und türkischer Polizei bei Protestmarsch in der Osttürkei. OPEC-Gipfel im saudi-arabischen Riad eröffnet. Das würde sie sich nie alles merken können, niemals. Sie schluckte. Da hatte Gerald sich ja was Tolles einfallen lassen. „Und nun die Wettervorhersage ...“, sagte Thorsten Schröder. Musste sie sich das Wetter auch merken? Okay. Das Wetter auch. Viertel nach acht. Hatte Gerald eigentlich gesagt, wann er kommen würde? Das Abendprogramm der ARD begann. Andy Borg und sein Musikantenstadl. Der hunderteinundfünfzigste. Zu Gast in Passau. „Neiiiiin!“, rief Simone und suchte mit den Augen hektisch die Fernbedienung. Die lag auf dem Fernseher, sie hatte sie selbst dorthin gelegt. Unerreichbar. Halb so schlimm, dachte sie, Gerald würde jeden Moment kommen. Der dralle Moderator grinste in die Kamera. Seine Haare waren exakt geföhnt. Er kündigte mit zappeligen Handbewegungen seine Gäste an: „Stars und Publikumslieblinge ... mit von der Partie sind die Höhner ... Florian Silbereisen, Peter und Gerda Steiner, Gunther Emmerlich ... Stadlmusikanten sowie das MDR-Fernsehballett.“ Simone sah auf den Radiowecker. Zwanzig nach acht. Wo bleibt er nur? Sie kannte die „Publikumslieblinge“ nicht, die über die Mattscheibe geisterten und schreckliche Lieder sangen. Florian Silbereisen. Live.  „Igitt“, rief Simone, als sie den ondulierten Dauergrinser sah. Der konnte grinsen und singen gleichzeitig. Auch ne Kunst. Und dann auch noch Akkordeon. Simone hasste Akkordeonmusik. Ihr Vater hatte oft, wenn er blau gewesen war, Akkordeon gespielt. Hol mir mal meine Quetschkommode“, hatte er dann zu Mutter gesagt und „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ gegrölt oder „Das Geisterschiff vom Ohio“ oder „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“. Und immer wieder von vorn und immer wieder schief und schräg und dazu wummtata wummtatata mit dem Schifferklavier. Silbereisen war auch nicht besser als ihr besoffener Vater. Er hatte nur bessere Zähne. Jetzt Gunther Emmerlich. Optisch war der ganz okay. Wenn der in Lederhose und mit ernstem Blick auftreten würde, ginge er glatt als Kofferdom durch, dachte Simone und kicherte. De Höhner. Die kannte sie aus dem Karneval, jeder Rheinländer kannte sie. Peter und Gerda Steiner. Meine Güte, was für ein Gruselkabinett. Wer guckt sich so was freiwillig an? Wo bleibt er bloß? Macht er das absichtlich, mich hier liegen und warten und diesen Mist ansehen lassen? Hat er das Fernsehprogramm vorher gekannt und gewusst, was mich nach der Tagesschau erwartet? Oder ist ihm was passiert? Wenn er einen Unfall gehabt hat! Oder wenn es jetzt brennen würde! Um Gottes willen, ich habe mal wieder gehorcht, ohne zu denken. Mist, warum habe ich das Handy nicht mit ins Bett genommen, für Notfälle? Dies ist ein Notfall. Aber es gab keine Rettung.     Die EPUB-Ausgabe ist noch nicht fertig, kommt aber auch bald.