Seitenblick Verlag
Leseprobe aus »Mit Haut und Hingabe«
20 Jahre danach
Wie eine Skulptur steht sie da. Wie ein Engel, der seine Flügel ausgebreitet hat – nackt, bis auf ihre schwarze
Augenbinde. Ihre Arme sind weit gespreizt und festgezurrt an zwei Haken in der Kellerdecke, während die Spitze
meiner Gerte sanft über ihren Rücken fächert, ihre Schultern wärmt, ihre Hüften, ihren Po. Als ich stärker fächle und
schneller, stellt sie sich steil auf ihre Zehenspitzen. Wippt hoch, als ich ihre Haut treffe. Schreit auf und lässt sich
wieder fallen. »Shhht«, sage ich und halte ihr kurz den Mund zu. Dann schalte ich um auf sanft, nehme das Tempo
aus dem Spiel, male gefühlvoll Kurven auf ihre Arme, die sich in kleinen Wellen zu ihren Handriemen
hochschlängeln. Sie legt den Kopf in den Nacken und atmet tief ein. Sie stöhnt, als ich erneut zum Schlag aushole
und sie das kurze Sirren hört, mit dem die Gerte die Luft zerteilt, schreit unterdrückt auf, als der Hieb sie trifft. Dann
stammelt sie: »Nein. Ich war nicht eingeweiht in die Fluchtpläne!« Und stammelt weiter: »Ich hatte nichts damit zu
tun, Genosse Major.«
Mitten im Spiel diese beiden Sätze! Aus heiterem Himmel hallen ihre Worte durch den Playroom und bringen mich
aus der Fassung.
Was hatte sie mir im Vorfeld geschrieben? Dass sie sich auf RBB und MDR alte DDR-Schinken anschaut, weil darin
manchmal Stätten ihrer Jugend vorkommen, die es 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr gibt. Ein Rest Ostalgie.
Es fasziniert sie, dass es noch immer Sprachunterschiede zwischen den alten und den neuen Ländern gibt. Und
dass im Osten allein der Klang der gesprochenen Wörter und Sätze so viel vom alten System verrät – von der
duckmäuserischen Geisteshaltung, wie auch von der latenten Renitenz dort. Sie hat Henry Maske erwähnt, für den
sie noch immer schwärmt, weil er so einen NVA-Offizierstonfall preußischer Prägung hat. »Ostfrauen wie
Westfrauen fahren total darauf ab.« Und mit einem Halbsatz hat sie ihr Faible für Rollenspiele angedeutet. »Meine
Fantasie ist riesengroß, ich kann mich in so ziemlich alles hineinversetzen, am liebsten in Stasi-Verhöre.«
Ich hatte ihre Sätze nicht ernst genommen, hatte sie nur überflogen. Und jetzt stehe ich da: Ein Wessi, der keine
Ahnung davon hat, wie der Staatssicherheitsdienst der ehemaligen DDR ein Verhör geführt hat.
Als ich in ihr Gesicht schaue, liegt ihre Stirn in Längsfalten. Zwei tiefe Furchen, die im Schatten des Kerzenlichts
wie kleine Gräben erscheinen. Ihre Oberlippe zuckt nervös, ist alles andere als weich und sinnlich. Ihre Zähne
haben sich in die Unterlippe verbissen: Eine Frau, die nicht kommt, wie sie kommen soll. Die innerlich kämpft und
ringt um die Bilder im Kopf, bis sie womöglich doch noch zünden. Und sie trifft mich tief mit ihrem Kampf – so tief,
dass ich nicht wage, meine Hand an ihre Scham zu legen, um mich scheinheilig weiter vorzutasten, denn ich spüre,
auch ohne sie zu berühren, dass ich sie nicht erreicht habe.
»Nicht schlagen, Genosse Major! Nicht den Schlagstock. Bitte nicht!«
Erinnerungsfetzen gehen mir durch den Kopf. Vor Jahren im Urlaub auf Rügen: NVA-Museum im Koloss von Prora,
eine dieser winzigen Zellen mit nackten Betonwänden ... Und irgendwo gelesen: Stasi-Mitarbeiter, die Kameras in
Friedhofsgießkannen verstecken, um Einheimische und Westbesucher an den Gräbern auszuspionieren ... Aber das
ist praktisch schon alles, was ich über die Stasi weiß. Ich bin Westdeutscher – durch und durch. Ich kenne höchstens
noch die Soko Leipzig und den Tatort, aber dort wird ja anständig verhört und nicht 48 Stunden lang am Stück.
»Wir haben Ihre Wohnung verwanzt«, flüstert sie mir zu und beugt ihren Kopf animierend nach vorn, soweit ihre
Fesseln das zulassen. »Bitte sag: Wir haben Ihre Wohnung verwanzt. Wir haben Sie die letzten vier Monate lang
abgehört.« Sie hält inne, um ihre Worte auf mich wirken zu lassen. Bewegt sich nicht einen Millimeter, atmet nicht
einmal, weil sie weiß, dass unsere Session auf der Kippe steht, wenn ich mich ihrem Wunsch verweigere und
schweige.
Ich bin hilf- und kopflos zugleich. Bin enttäuscht, dass die Session nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ärgere mich, dass sie mich zum bloßen Handlanger in einem Spiel machen will, das mir nicht im Geringsten liegt.
Noch nie habe ich eine ostdeutsche Frau so nackt gesehen wie sie, noch nie im Leben eine Ossi-Sklavin gehabt.
Ich könnte mit ihr darüber reden, ob das Sein das Bewusstsein bestimmt oder das Bewusstsein das Sein oder wer
für die Toten an der Berliner Mauer verantwortlich war. Könnte mit meinem skurrilen Wissen glänzen, dass Mekorna
ein Kinderbrei und Krefafin ein Hustensaft war. Von solchen Dingen habe ich gehört. Aber nicht davon, was vor der
Wende in einem Stasi-Untersuchungsgefängnis geschah.
»Bitte nehmen Sie das Licht von meinem Gesicht, Genosse Major!«
»Nicht über den Prügelbock. Bitte nicht!«
»Nicht anschreien, Genosse Major.«
»Nein, nicht in meine Ohren brüllen!«
Dann flackern plötzlich Bilder aus einem Film, den ich mal Mitte der Siebziger gesehen habe, durch meinen Kopf:
Der Marathon-Mann. Sequenzen von einem Folterschergen in einem weißen Kittel, der jemandem die Wahl
zwischen Wohlbefinden und Schmerzen lässt. »Welche der beiden Möglichkeiten ich Ihnen demnächst verordne,
liegt ganz in Ihrer Hand«, sagt der Folterscherge. »Also nutzen Sie die Zeit und sagen Sie es mir: Sind sie außer
Gefahr?«
»Sind sie außer Gefahr?«, brülle ich sie an.
Sie zuckt zusammen, nimmt augenblicklich Haltung an.
»Sind sie außer Gefahr?«, brülle ich erneut.
Sie zögert mit ihrer Antwort, scheint sich still zu sammeln – irritiert über die plötzliche Wendung unseres Spiels.
»Wer ist außer Gefahr?«, fragt sie kleinlaut.
»Keine Fragen!«, zische ich in ihr Ohr und schlage mit der Gerte im Rhythmus der vier Silben auf ihre Schenkel.
»Ich kann Ihnen nicht sagen, ob sie außer Gefahr sind, wenn ich nicht weiß, wer mit sie gemeint ist«, hechelt sie.
Ohne den Ton zu ändern, wiederhole ich meine Frage: »Sind sie außer Gefahr?«
»Bitte werden Sie genauer, Genosse Major. Ich kann ...«
»Was du kannst, interessiert mich nicht!«, schreie ich und gebe ihr eine Ohrfeige. »Mich interessiert nur, ob sie
außer Gefahr sind!«
»Ich weiß es nicht! Ich kann es nicht beantworten, Genosse Major!«
»Sind-sie-au-ßer-Ge-fahr?« Wieder saust die Gerte im Rhythmus der Silben auf ihre Haut. Ihr Mund hat jetzt Farbe
angenommen und ihre Lippen beginnen zu beben.
»Ja, sie sind außer Gefahr.«
»Genosse Major!«, schreie ich.
»Ja, sie sind außer Gefahr, Genosse Major!«
»Sind Sie absolut sicher, dass sie au-ßer-Ge-fahr-sind?« hake ich nach.
»Ja, Genosse Major! Sie waren immer außer Gefahr.«
»Sind Sie GANZ sicher?«
»Ja, Genosse Major. Sie sind gänzlich außer Gefahr. Ganz sicher sind sie außer Gefahr.«
»Und sie werden außer Gefahr bleiben?«
»Sie werden außer Gefahr bleiben, Genosse Major!«
»Dann mach deinen Mund auf!«
Sie gehorcht, reißt ihre Lippen auseinander.
»Und jetzt sag ›Solidaritätszuschlag‹«.
»Solidoridätszuschlog« antwortet sie in lupenreinem Sächsisch.
Ich lasse die Gerte auf ihren Hintern sausen. »Hochdeutsch!«, herrsche ich sie an.
»Solidoridätszuschlog, Genosse Major.«
»Kinn hoch! Kneif die Arschbacken zusammen! So-li-da-ri-täts-zu-schlag!«
»Solidaridätszuschlog, Genosse Major.«
»Hochdeutsch, habe ich gesagt! So-li-da-ri-täts-zu-schlag!«
»Solidaritätszuschlog, Genosse Major.«
»So-li-da-ri-täts-zu-schlag!«
Sie stammelt irgendetwas von »Schulldchnsä« und windet sich verbal geschickt von »Zuschlog« nach »Schlog
zu!«, was ich gern tue, um ihr zwischen den glühenden Wangen dieses Märchenlächeln zu entlocken. Und weil ich
spüre, dass wir die Wende in unserem Spiel geschafft haben und sie doch noch zu fliegen beginnt, stoße ich sanft
in ihre Hitze, knapp bis zum Mittelfinger. Und sie gibt nach, weil sie nicht anders kann – und da fühle ich: Endlich ist
die Mauer gefallen, endlich hat diese Session begonnen!
Als ich sie losgemacht habe, nimmt sie den Sekt, den sie aus »Dräääsdn« mitgebracht hat, und wickelt ihn
seelenruhig aus dem Geschenkpapier. Rotkäppchen. Rubin.
Sie lässt den Korken gegen die Decke knallen und gießt in perfekter Haltung den Sekt in die Gläser.
»Du weißt, dass wir 2002 Mumm übernommen haben?«, fragt sie und lächelt mich unschuldig an.
»Weiß ich«, sage ich.
»Dann sind wir quitt, oder?«
»Sind wir«, sage ich. »Aber nur heute – am Tag der Deutschen Einheit.«
Augenweide
Your ooown, dröhnt es aus den Lautsprechern, per-so-nal Je-sus. Ewald schreit der Bedienung hinter der Theke
»Zwei Mineralwasser!« zu, weil Mineralwasser im Eintrittsgeld enthalten ist und man sich an den Gläsern fürs Erste
gut festhalten kann. Er kennt niemanden auf der Party im Dungeon, und auch Gretchen sieht kein bekanntes
Gesicht. Some-one to hear your pray-ers, some-one who ca-res, schmachtet der Leadsänger von Depeche Mode.
Ewald wippt dazu im Takt mit seinem rechten Fuß.
Links von Ewald und Gretchen steht ein Paar, das 15 Jahre jünger ist als die beiden. Rechts von ihnen schaut ein
bleicher Rothaariger aus der Gothic-Szene versonnen auf die weiße Wand hinter der Bar. Den Haarstrang an
seinem Kinn, der gut 30 Zentimeter lang ist, hat er an drei Stellen mit Zwirn zu einem Zopf zusammengeknotet. In
der Ecke unter den Lautsprechern sitzt ein grauer Wolf mit Dreitagebart. Er trägt ein kariertes Hemd mit Lederweste
und exhibitioniert selbstbewusst seine Plauze. Seine Partnerin hat sich in ein enges Korsett gezwängt, aus dem ihre
Titten quellen. Neben ihr steht ein spindeldürrer Nackter im Lederharnisch, dessen Schwänzchen in einem
Keuschheitsgürtel aus Plexiglas steckt. Die Leine seines Halsbands endet zwischen Daumen und Kölschglas eines
schmächtigen Gay-Doms. Hinter den beiden steht eine Blondine in transparentem grünem Latexganzanzug; von ihr
sieht Ewald nur das Dekolletee und die Schultern. Sie lächelt Ewald an, aber das tut sie bei jedem. Sie weiß, dass
sie auf Männer wirkt, und ihr Partner – wie sie ein Beau – weiß das auch.
Ewald und Gretchen trinken ein zweites Mineralwasser, und Ewald raucht aus Verlegenheit eine Lights von seiner
Liebsten mit. Aus einem Nebenraum wird eine halb nackte Sklavin mit schwarzer Augenbinde und rotem Ballknebel
in Richtung des Knotenbarts geschubst. Ihr Herr, der einen edlen schwarzen Anzug trägt, geht dicht hinter ihr, hält
sie mit beiden Armen an den Schultern fest und lässt sie auf hohen Pumps über die Fliesen staksen. Dann nimmt er
seiner Gefährtin Knebel und Augenbinde ab und zieht eine Packung Zigarillos aus dem Jackett. Wortlos greift die
Sklavin zu, zündet einen Zigarillo an und kniet sich hin. Sie senkt den Kopf, hält die Hände wie eine Betende in die
Höhe und platziert den brennenden Zigarillo kerzengerade zwischen ihren Fingerspitzen, um sie ihrem Meister
anzureichen.
Gretchen bekommt glänzende Augen, aber Ewald schüttelt den Kopf. Nein, das könne er nicht. Nicht hier. Nicht vor
den Augen der anderen.
Im Spielraum, den der Veranstalter der Party »Wohnzimmer« nennt, setzen sich Ewald und Gretchen auf das
Holzpodest, warten dort zusammen mit sechs anderen Leuten, dass sich an den beiden Andreaskreuzen und den
Folterstühlen vor ihnen was tut. Aber bis auf eine Frau, deren Kopf und Arme jemand in einen Pranger steckt und
dann ihren Arsch vertrimmt, tut sich nichts. Von »Wohnzimmer« kann auch nicht die Rede sein, weil der Raum
weder eine Tür noch einen Vorhang hat. Jeder kann in die Nischen, wo die Streckbänke, Käfige, Kreuze,
Bondagegestelle und ein Spanischer Reiter aufgestellt sind, ungehindert reinschauen. Da hilft auch das dezente
Kerzenlicht nicht. Eigentlich wollten Ewald und Gretchen hier spielen – zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.
Eigentlich wollten die beiden mal raus aus ihren vier Wänden. Aber so hatten sie sich das nicht vorgestellt.
Ein Mann in violettfarbenen Lack-Overknees setzt sich neben Gretchen. Ein Transvestit sei er nicht, sagt er. Und bi
auch nicht. Er trage eben nur fürchterlich gerne Heels. Als Gretchen lächelt und mitfühlend nickt, rückt er ihr näher.
Sie erfährt, wo er schon überall »spezielles Outfit« bestellt hat und wo man es am günstigsten bekommt. Und wo
man als Mann in Heels – ohne Blicke zu riskieren – den besten Auslauf hat. Bei Ikea könne man ihn ab und zu
Gehen üben sehen, sagt er. Und auch in Baumärkten trage er seine Stiefel; bei Obi und Praktiker sei er bekannt
wie ein bunter Hund. Ewald schaut der Stiefelträger kaum noch an, sondern widmet sich ausschließlich Gretchen.
Ewald lässt ihm sein Glück und fixiert »Sklave Willy«, der nackt in einer Ecke kniet und seinen halbsteifen Schwanz
wichst. Nicht zu heftig, damit er nicht kommt, aber auch nicht zu wenig, damit er nicht schlaff wird.
Ewald und Gretchen sind froh, als die Bühnenshow beginnt, die angekündigt war. Ein Solo-Sklave, der sich für Geld
eine Domina gemietet hat, wird von einer in die Jahre gekommenen Lady auf die Bühne gezerrt. In Nullkommanix
ist »Sklave Bruno« – das hat sie ihm mit Lippenstift zweizeilig auf die Brust geschrieben – ans Kreuz gebunden und
wird dann ausgiebig mit Wachs und noch wesentlich ausgiebiger mit Gertenhieben malträtiert. Weder streichelnde
Hände noch irgendwelche Worte zwischendurch. »Wie ein Schwein, das geschlachtet wird«, denkt Ewald und
drückt Gretchens Hand. Gretchen drückt heftig zurück, als die Lady Brunos Slip zerschneidet und sein erigierter
Schwanz plötzlich in Richtung der Zuschauer aus dem Höschen schnellt. Brunos rechte Hand wird losgebunden
und er muss sich selbstbefriedigen. »King Kong«, flüstert Ewald Gretchen zu. Sie nickt und schaut weg, als Bruno
mit lustverzerrtem Gesicht und laut stöhnend seinen Erguss durch die Luft schleudert.
Zu Hause bindet Gretchen Ewald immer an den Treppenpfosten im Korridor. Umwickelt seinen Hals mit einem
breiten Latextape und macht ihn unverrückbar an der Längsstange fest, die von der Decke bis zum Boden reicht.
Wie oft hat Ewald in den letzten Jahren an diesem Pfosten gestanden! Seine Arme in einem Fesselsack, seine
Arme in Folie, seine Arme nach hinten gezogen, bis die Sehnen fast zu reißen drohten. Sein Kopf in einem
Riemengeschirr, von Gretchen so weit hochgezogen, bis es in Ewalds Halswirbeln knackte und er auf Zehenspitzen
stehen musste, seine Beine zu zittern begannen und er nachts Krämpfe bekam, sodass er aus dem Bett springen
musste, um seine Füße auf den Boden zu drücken und gegen den Krampf anzugehen. Manchmal dachte Ewald,
dass er irgendwann an diesem Pfosten verrecken würde. Dass ihm die Blutgefäße platzen würden oder er einen
Gehirnschlag bekäme.
Wenn Gretchen Ewald lange genug an diesem Pfosten im Korridor malträtiert und liebkost hatte, ging sie
irgendwann ins Wohnzimmer. Ewald hörte dann das Klappern im Schrank. Dann das Quietschen der Gäste-WC-
Tür. Glas schepperte an Keramik. Dann Stille. Danach ein kaum vernehmbares Strullen. Dann der dumpfe Ton vom
Abzupfen des Toilettenpapiers. Dann erneut ein Scheppern. Ewald hörte das Klappern an der WC-Spülung, dann
das Rauschen des Wassers. Dann das Klackern ihrer Absätze auf den Bodenfliesen. Wenn Gretchen wieder vor
ihm stand, hatte sie ein halb oder manchmal auch drei Viertel gefülltes Sektglas in der Hand. Sie lächelte dann
biestig und küsste Ewald, hielt ihm das Glas vors Gesicht und schaute in seine Augen, bis seine Pupillen sich
weiteten und wieder zusammenzogen.
Die Lady drückt Bruno eine Kleenex-Rolle in die Hand und befiehlt in einem menschenverachtenden Ton: »Mach
deine Sauerei ja gut weg.« Dann steigt sie von der Bühne, bekommt Applaus von den Zuschauern und
verschwindet in Richtung Bar. Bruno kriecht auf allen Vieren und kratzt mit der Metallkante der Kehrschaufel das
Wachs vom Boden. Ab und zu wischt er die Spuren seines Spermas mit den Kleenex-Tüchern auf, dann kratzt er
erneut und fegt das Wachs mit einem Handfeger in die Schaufel.
Bruno hat alles sauber gemacht. Gretchen und Ewald gehen in einen Nebenraum und essen Bananen. Die sind
ebenso kostenlos wie das Mineralwasser.
Auf der Couch hinter den beiden liegt ein Paar, das sich befummelt. Der Mann küsst die Brüste der Frau, leckt ihre
Scham, spielt mit ihrer Muschi, die von einem Dutzend schwerer Stahlringe durchstochen ist. Aber die Dame
verzieht keine Miene. Sie hat die Augen geschlossen und scheint zu warten, dass irgendetwas in ihr passiert. Aber
was auch passieren mag: Man sieht es nicht in ihrem Gesicht und auch nicht an ihren Körperreaktionen. Der Mann
nimmt einen kleinen Dildo aus seinem Koffer und stochert in ihrer Muschi herum. Aber wieder verzieht die Dame
keine Miene. Sie liegt steif wie ein Brett da, und es regt sich immer noch nichts.
Ewald öffnet den Reißverschluss von Gretchens Latexhose und schiebt seine Hand hinein, suche ihre Perle. Er
küsst seine Frau und spürt, wie sein Schwanz erigiert. Ist stolz, dass er nach all den Ehejahren nur vom Küssen
noch einen Ständer kriegt! Nein, er will nicht spielen heute. Er kann das auch nicht. Nicht hier. Gretchens Hand
greift in Ewalds Slip und holt seinen Schwanz raus. Die beiden streicheln sich, halten sich Haut an Haut. Sie küssen
sich weiter – und halten dann inne.
Das Paar auf der Couch hat sein Vorspiel beendet und steht auf. Der Mann legt die Frau auf einen Barhocker und
bringt ihren Hintern in Position. Dann zieht er seinen Schwanz aus der Hose und tritt hinter sie.
Gretchen zieht Ewald aus dem Raum. »Hausmarke?«, fragt sie. Ewald lächelt und sagt erleichtert: »Yes, Miss
Pérignon. For your eyes only!«
Zu Hause zündet sich Gretchen eine Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug und bläst Ewald den Rauch ins Gesicht.
Dann führt sie den Rand des Glases an seine Lippen und bringt es in Schräglage. Der Sekt ist warm, als er in
Ewalds Mund läuft. »Schluck«, sagt sie. »Jetzt!« Und flüstert: »Was bist du schön, wenn du hörig guckst!«
Böse
Mein Ford Transit steht auf dem Parkplatz an der Auffahrt zur A3. Durch das kleine Fenster im Laderaum
beobachte ich den Mann im schwarzen Lederdress, der an der straßenabgewandten Seite des Parkplatzes auf und
ab geht und nervös das Terrain absucht. Es ist 22:50 Uhr und stockfinster. Der Mann kam vor 5 Minuten mit seinem
3er-BMW, machte den Motor aus und stieg sofort aus. Nun geht er zielstrebig auf den Steintisch mit den sechs
Stühlen zu, der von einem Müllcontainer verdeckt ist. Aber er findet nicht, was er sucht. Denn das, was er zu finden
hofft, besitze ich.
Der Ledermann geht quer über die Wiese zum kleinen Grünstreifen aus Sträuchern und Blumenbeeten. Er leuchtet
mit einer Taschenlampe den Boden ab, bückt sich, um besser sehen zu können, steht dann wieder auf, bückt sich
drei Meter weiter erneut und verharrt eine Weile in dieser Stellung, als würde er angestrengt lauschen. Dann ruft er:
»Duppy!?« Und setzt – als riefe er einen Hund – mit doppelter Lautstärke nach: »Duppy!!« Aber er bekommt keine
Antwort. Er wird auch keine bekommen, so oft und so laut er ruft, denn Duppy – seine platinblonde Sklavin – liegt
gefesselt in meinem Ford Transit.
Der Ledermann geht zu seinem BMW, zündet sich eine Zigarette an und beobachtet den Parkplatz durch die
Windschutzscheibe. Er dreht seinen Kopf kurz in Richtung des Parkstreifens, wo mein Ford neben sechs anderen
abgestellten Autos steht. Dann macht er eine Dose Cola auf und trinkt einen Schluck. Er weiß, dass dies ein
bevorzugter Parkplatz ist, wo Paare ihre Wagen abstellen, wenn sie sich zu SM-Partys in Privatlocations
chauffieren lassen. Er weiß auch, dass auf diesem Parkplatz oft Sklavinnen übergeben werden, die sich anderen
Männern zur Verfügung stellen müssen. Er weiß das genauso wie ich. Aber was er nicht weiß, ist, dass ich ihm
Duppy vor der Nase weggeschnappt habe.
Duppys Hauptherr hat die Blondine um 22:35 Uhr aus seinem VW-Golf gezerrt, ihr die Hände mit einem Seil auf
den Rücken gebunden, ihre Augen mit einem breiten Latextape umwickelt und sie dann zum Steintisch neben dem
Müllcontainer dirigiert, wo er sie mit gespreizten Beinen stehen ließ. Dann rief er den BMW-Fahrer an, gab ihm
Bescheid, dass er »das Tierchen« abholen könne, und brauste davon. 2 Minuten später bin ich aus meinem Ford
gestiegen, habe Duppy wortlos zu meinem Transit geführt, sie in den Transportraum steigen lassen und sie dann
mit Chloroform betäubt. Jetzt liegt sie bewusstlos auf der Ladefläche. Damit sie nicht friert, habe ich ihren Körper in
eine Wolldecke gewickelt.
Duppy ist schön. Sie mag um die fünfundzwanzig oder sogar jünger sein. Sie hat volle sinnliche Lippen, die selbst
im Dunkeln noch rot leuchten. Ihr blondes Haar fällt in Fransen über ihre geschlossenen Augen. Ich könnte mich
ungestört an Duppy bedienen, aber Duppy hat Glück: Ich bin kein Sadist, sondern nur böse. Deshalb reizen mich
die perversen Spiele nicht, die SMler auf diesem Parkplatz spielen. Was mich interessiert, ist das dumme Gesicht
des Ledermanns, der jetzt zu seinem Handy greift und die Nummer des Golf-Doms eintippt. Was mich antörnt, ist
das Spielverderben, das Kaputtmachen von Erwartungen, mein Arschtritt, der den Ledermann um seine heiße
Nummer gebracht hat.
Ich kann ihn nicht reden hören im Innenraum meines Transits, aber ich weiß, dass er den Golf-Dom jetzt fragt, wo
die Sklavin, die ihm versprochen wurde, denn hin sei. Er habe alles abgesucht, aber die Frau sei weg. Ich nehme
mein Nachtsichtglas und stelle auf die Ratlosigkeit des Ledermanns scharf, auf die Enttäuschung, die seiner
Geilheit gefolgt ist und die ihm nun ins Gesicht geschrieben steht. Weide mich an den Sorgenfalten, am Bammel
und der Panik. Denke daran, dass die Angst nicht nur den Ledermann, sondern auch den Golf-Dom erfasst. Spüre,
wie die Szene mich erregt, weil das Chaos, das ich angerichtet habe, punktgenau seine Wirkung entfaltet. Mein
vergiftetes Blut beginnt warm zu fließen.
Meinen ersten bösen Gedanken hatte ich mit acht Jahren. Da ließ ich auf dem Stoppelfeld hinter unserem Haus
einen Drachen in den Herbsthimmel steigen, während von Westen ein Sportflugzeug heranflog. Ich verspürte
plötzlich eine unbändige Lust, das Flugzeug vom Himmel zu holen, und ließ Seil ab, so viel und so schnell ich
konnte. Aber als alle Schnur abgewickelt war – vielleicht 300 Meter oder mehr –, hatte sich der Drachen zu meinem
Leidwesen noch immer nicht im Rotor der Maschine verfangen. Sechs Jahre später war ich dann erfolgreicher. Da
hatte ich mich in einem Hochsitz am Waldrand eines Modellflugzeugplatzes verschanzt und sandte mit einem
Störsender immer dann eine bestimmte Frequenz aus, wenn eine der kleinen Maschinen auf dem höchsten Punkt
war. Die stürzte dann trudelnd zu Boden, während sich der Besitzer des Flugzeugs, der es in vielen Stunden
zusammengebastelt hatte, vergeblich an seinem Funkgerät verrenkte, um zu retten, was nicht mehr zu retten war.
Seit diesen Modellflugzeug-Crashs war ich fasziniert davon, etwas zu tun, das anderen Leid und Verstörung
bereitete. Ich trieb mich in Drogeriemärkten herum, tauschte dort wahllos Bilder von Fototüten aus oder mischte
Aktaufnahmen, die da gar nicht reingehörten, unter die Bilder. Manchmal tauschte ich bei Rossmann die Tuben von
Haarfärbemitteln aus und tat Kastanie oder Polycolor Schwarz in die Packung von Polycolor Blond, malte mir aus,
wie die Frauen kreischten, wenn sie sich später mit einer anderen Haarfarbe als der gewünschten sehen würden.
Manchmal rief ich nachts in fremden Hotels an und wählte statt der -0 eine -12 oder -14 hinter der Hauptnummer.
So holte ich wildfremde Gäste aus dem Tiefschlaf und wies sie mit verstellter Stimme an, sich sofort und noch in
Nachtkleidung an der Rezeption einzufinden, da das Hotel eine Feuerübung durchführe. Dann wieder schlich ich
mich in Arztpraxen und tat Zucker in die Döschen mit Pisse, die Patienten dort morgens auf der Spüle deponierten.
Ich tat noch vieles, was böse war, aber irgendwann war es nicht mehr genug, mir bloß vorzustellen, wie die
Menschen, die ich drangsalierte, sich quälten. Ich wollte sehen, was ich angerichtet hatte. Wollte zugucken und das
Leid anschauen. Wollte mich live an den Reaktionen aufgeilen. Und so fand ich diesen Parkplatz an der A3.
Der Ledermann geht ein letztes Mal den Parkplatz ab. Er öffnet den Container, verschwindet in den Gebüschen,
läuft zur Einfahrt des Parkplatzes, schaut hinter die parkenden Autos, legt sich auf den Bauch und schaut darunter,
auch unter den Transit. Wie Blinde-Kuh-Spielen ist das: heiß, heiß! Doch wie dicht dran der Ledermann an seiner
Sklavin ist, das ahnt er nicht – dafür ist er zu blöd. Er ruft »Duppy« in allen Variationen, die seine Stimme zulässt:
zärtlich, verlockend, unwirsch. Er schreit am Ende, weil er ahnt, dass er sich vergeblich müht und aus der erhofften
Session nichts werden wird. Kalt, kalt, kalt! Am Ende ist der Zweitherr heiser und schleicht wie ein begossener
Pudel zu seinem Auto zurück. Er nimmt sein Handy und telefoniert noch einmal mit dem VW-Golf-Dom. Dann dreht
er den Zündschlüssel um, startet den Motor und fährt mit quietschenden Reifen davon.
Nun wird passieren, was immer passiert, wenn ich Sklavinnen stehle: Der Golf-Dom wird noch einmal kommen und
ebenso gründlich den Parkplatz absuchen, wie es der BMW-Dom getan hat. »Wo ist sie? Wo ist sie
hingegangen?«, wird er sich fragen. Dann wird er die Landstraße in beiden Richtungen abfahren und verzweifelt
Ausschau nach Duppy halten. Und weil er sie nicht findet, wird er erneut zum Parkplatz zurückkommen und noch
einmal alles absuchen. Die Polizei wird er nicht einschalten, davor haben sie alle zu viel Muffe. Da warten sie lieber
bis zum anderen Morgen. Kann ja sein, dass Duppy dann klingelt und mit durchgescheuerten Handgelenken vor der
Tür steht und sagt: »Tschulligung, Meister, ich hab gestern Angst bekommen und bin weggelaufen.«
Mein Schwanz ist hart, als ich ihn aus meinem Hosenschlitz ziehe. Ich schaue in Duppys Engelsgesicht. »Wenn du
magst, kannst du mich markieren.« Diesen Satz hatte mal eine der Frauen da draußen gesagt, als sie von einem
Fremden abgeholt wurde. Und meinte wohl, dass der sich an ihr befriedigen könne, auf ihre Strümpfe spritzen oder
ihr seinen Saft ins Gesicht schleudern dürfe. »Markieren« – als sei sie eine Hirschkuh und er ein Dambock. Ich
kann das nicht! Frauen zu besudeln, ist einfach nicht mein Ding.
Als ich an der Blechwand unterhalb des Fensters abspritze, liegt Duppy noch immer träumend auf der Ladefläche.
Ich öffne die Flügeltür des Transits, steige aus dem Laderaum, setze mich ins Führerhaus und fahre die Landstraße
Richtung A3 entlang. Kurz vor der Autobahnauffahrt kommt mir mit geschätztem Tempo 130 der VW von Golf-Dom
entgegen. Ich grinse still, als der Wagen an mir vorbeirauscht, genieße den aufgelösten Blick des Fahrers, biege
dann auf die Autobahn ab, um drei Abfahrten später wieder auf die Landstraße zu fahren. An einer Bushaltestelle
setze ich den Blinker und parke meinen Transit auf dem Seitenstreifen.
Duppy ist noch immer betäubt, aber sie atmet schon lauter. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie aufwacht. Ich
trage sie aus dem Wagen, lege sie vorsichtig ins Gras hinter der Bushaltestelle, gebe ihr einen Abschiedskuss und
streichle noch einmal über ihr Haar. Dann schneide ich ihr die Fesseln auf und lege ihr eine präparierte Packung
Polycolor Blond in die Handtasche. Darauf habe ich einen Zettel geklebt: »Als Dank für die zauberhafte Nacht.«
Jahrestag
Er schickte ihr per E-Mail einen Link zu YouTube. Und als sie auf das Video klickt, sieht sie sich nackt in diesem
Hotelzimmer. Hört sein bestimmendes »Kriech!«, während sie wie eine rollige Katze vom Bett gleitet und Haltung
auf Händen und Knien annimmt. Sie schaut direkt in die Kamera. Hat die Augen geschlossen und den Mund weit
geöffnet. Sie hebt ihren Kopf und senkt ihn wieder, als sich vom linken Bildrand eine Hand – es ist Helges Hand! –
zwischen ihre Beine schiebt und zwei Finger in sie gleiten. Sie streckt ihr Kreuz durch und lässt ihre Hüften
schwingen. »Fick mich«, stammelt sie. »Bitte finger mich, und dann fick mich.« Die Hand gleitet in Richtung ihres
Gesichts, und zwei nasse Finger schieben sich sanft in ihren Mund. Die Kamera zeigt, wie ihre Lippen daran
saugen und lecken. Dann Schnitt. Sie steht am S-Bahnhof Benrath und wartet auf den Zug. Nimmt kurz ihren iPod
aus der Jackentasche, um die Lautstärke nachzuregeln. Wieder Schnitt. Sie geht durch die Eingangstür des
Firmengebäudes, in dem sie arbeitet. Die Kamera zoomt auf den Schriftzug Nerb KG. In der nächsten Einstellung
kommt sie mit zwei Einkaufstaschen um die Ecke des Häuserblocks, in dem sie wohnt, geht bis zu ihrer Haustür,
schließt auf. Die Kamera zoomt auf ihr Klingelschild: Dietzler. Dann endet der Film.
Der Monitor schwankt vor ihren Augen, wird breit, wird schmal, kippt plötzlich um die eigene Achse und rotiert wie
ein Windmühlenflügel. Für einen Moment glaubt Susanne, kotzen zu müssen, aber sie fängt sich. Tränen schießen
ihr in die Augen. »Dieses Schwein«, stammelt sie. »Es ist doch aus.« Ihr Magen zieht sich zusammen, ihr wird
schlecht. Sie begreift die Tragweite des Videos. Erkennt, dass Helge sie öffentlich gemacht hat – brutal,
schonungslos, mit Kalkül. Und dass jeder sie jetzt auf YouTube sehen kann, sofern er den Link kennt. Sie fühlt sich
schutzlos. Fühlt sich ausgestellt. Wie am Pranger. »Das ist Stalking«, schreit sie. »Ich will das weghaben.
Weglöschen. Wegmachen. Weg! Weg!« Schlägt mit der Faust auf ihren Schreibtisch. »Nein«, ruft sie laut. »Nein!«
Und immer wieder: »Warum?«
Ihre Gedanken überschlagen sich: Wo war da eine Kamera im Hotel? Sie hat damals keine gesehen. Wie kann
Helge sie am Bahnhof gefunden haben? Sie hat ihm nie eine Adresse von sich gegeben. Woher weiß er, wo sie
arbeitet? Wie kann er wissen, wo sie wohnt? Sie hat das alles vor ihm verborgen – so, wie sie es immer tut, wenn
sie sich mit Männern aus der Szene trifft. Wie hat er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in ihre Privatsphäre eindringen
können? Es ist aus und vorbei mit Helge – seit gut einem Jahr. Und bis auf diese eine Hotelnacht hat es keine
weiteren Treffen zwischen ihm und ihr gegeben. Auch keinen weiteren Kontakt mehr. Sie hat sich ihm nach dieser
Nacht erklärt, ihm eine lange Abschiedsmail geschrieben, die mit dem Wunsch endete: »Bitte antworte nicht mehr.«
Dann hat sie ihr Profil gelöscht und ihre E-Mail-Adresse samt Handynummer geändert. Wie hat er sie jetzt finden
können? Woher kennt er ihren neuen Account?
»Ruhe!«, sagt sie laut. »Ganz ruhig jetzt. Eines nach dem anderen.« Und setzt noch einmal neu an in ihren
Erinnerungen – beginnt bei der Kamera. Helge hat sie von vorn gefilmt. Was hat sie gesehen, als sie auf allen
Vieren kniete? Einen Stuhl? Einen Schreibtisch? Einen Koffer? Ja! Sie hat auf einen Koffer geschaut, als er seinen
Finger in sie steckte. Der Koffer war aus Stoff. Ein dunkelgrauer Koffer mit einem Reißverschluss, der offen war.
Dahinter, im Inneren des Koffers, muss die Kamera versteckt gewesen sein. Gesprächsfetzen rattern durch ihr Hirn,
E-Mails, Telefonate. Dann fällt ihr ein, dass Helge mal von einem MP3-Spieler erzählt hat, an den man über ein
Kabel eine winzige Cam anschließen kann. Diese Cam, die nur aus einer daumendicken Aufnahmeeinheit bestehe,
filme ab 1 Meter alles scharf, hat er geschwärmt, auch im Dämmerlicht. Dieses Schwein! Diese hinterhältige, kleine
Ratte! Deshalb hat sie auch kein Surren gehört. Weil MP3-Spieler über einen Flash-Speicher aufnehmen, was völlig
geräuschlos geschieht.
Was hat sie noch in diesem Hotel getan? Was hat er sonst noch filmen können? Sie war nackt – bis auf die
Ledermanschetten an ihren Handgelenken. Sie ist auf allen Vieren vor ihm durchs Zimmer gekrochen. Sie hat ihm
einen geblasen, hat sich dann von hinten von ihm nehmen lassen. Sie hat geschrien und gestöhnt – so laut, dass er
ihr am Ende den Mund zugehalten hat. Was hat er noch alles in der Hand gegen sie? Womit könnte er sie
erpressen?
Kalter Schweiß bricht ihr aus. »Weg! Weg!«, brüllt sie. »Das Video muss da raus.«
Susanne scrollt die YouTube-Site runter, überfliegt den Textrahmen unterhalb des Abspielpanels. »Aufrufe: 536«,
liest sie. »Oh Gott!« Sie sucht einen Namen, eine E-Mail-Adresse. Irgendwo muss doch stehen, wer das Video
eingestellt hat. Sie scrollt hoch, scrollt tiefer. Klickt auf »Statistiken und Daten«, findet »Hinzugefügt: 8. April«. Das war
gestern. Aber das hilft ihr nicht, sie will jemanden, der verantwortlich zeichnet als Einsteller. Sie scrollt weiter.
Rechts oben in der Leiste liest sie: »pretendIdontexist« Sie klickt darauf und findet: »Beitritt: 7. April. Letzter Log-in:
Vor einer Stunde.«
Eine E-Mail-Adresse findet sie nicht. Nur den Satz: »Verstoß bei Profilsymbol melden.« Sie klickt darauf und liest.
»Du musst angemeldet sein. Du wirst jetzt auf die Anmeldeseite weitergeleitet.« Das dauert ihr zu lange. Sie öffnet
die E-Mail mit dem Link, den Helge ihr geschickt hat. Kopiert seine Adresse und schreibt ihm eine Antwort-Mail:
»Ich hab dir nichts getan«, tippt sie. »Bitte nimm das Video wieder raus. Bitte!! Lass uns reden«, schreibt sie, gibt
ihm ihre Handynummer. Fügt ein: »Es war doch schön mit uns. Die Nacht mit dir war wunderbar. Aber du kennst
doch die Gründe, warum wir keine Zukunft haben.« Dann klickt sie auf »Senden« und fühlt sich besser.
15 Sekunden später macht es »Ping« in ihrem Postfach: Sie liest »Failure notice« in der Betreffzeile und wird blass:
Die Mail an Helge ist mit dem Vermerk »undisclosed-recipients« wieder zurückgekommen. Er muss seinen Account
gelöscht haben, nachdem er ihr den Link auf YouTube geschickt hat. Susanne nimmt ihr Handy, scrollt durchs
Telefonbuch, aber findet Helges Nummer nicht mehr – sie hat sie längst gelöscht. Eine Anschrift hat sie nicht von
ihm. Sie waren sich unter »Lovebound« und »Wendigo« im Netz begegnet und hatten beide beschlossen, incognito
zu bleiben.
Wieder macht es »Ping« in ihrem Postfach. Eine Mail von Helge! »Wir haben heute Jahrestag, Sannchen«, schreibt
er. »Du solltest darüber nachdenken, was du mir nach 365 langen Schweigetagen schenken wirst. Mein spezielles
Präsent für dich hast du sicher schon bei YouTube gesehen. Wenn du rumzickst und mit deinen Reizen geizt, wirst
du ab morgen Gesprächsthema Nummer Eins in deinem Wohnblock sein. Und was deine Schulfreunde, deine
Bekannten und Familienmitglieder bei Stayfriends denken, wenn ich sie auf Bilderreise zu YouTube schicke ... das
überlasse ich deiner Fantasie.«
Am Ende der Mail hängt ein Attachment. Susanne zieht es auf die Festplatte und öffnet die Datei – eine Halbtotale,
die durch ein zweiflügeliges Fenster fotografiert ist. Hinter diesem Fenster sitzt eine schwarzhaarige Frau mit
Pagenschnitt vor einem PC-Monitor. Sie sieht fahrig und aufgelöst aus. Sie trägt dasselbe Kleid, das Susanne trägt.
Die Vorhänge des Zimmers sind genauso weit zurückgezogen wie die in Susannes Zimmer. Die Halogenleuchte auf
ihrem Schreibtisch hat denselben Schwenkarm wie die Leuchte am Arbeitsplatz von Susanne. Und links neben der
Leuchte steht sogar eine Blumenvase mit denselben gelben Petunien wie ihre ...
»Neiiin«, schreit sie – und geht zum Fenster.
Helge steht im Altbau in der gegenüberliegenden Häuserzeile. Steht im Flurfenster auf der 2. Etage und schaut
direkt in ihr Zimmer. Susanne wünscht sich, dass alles bloß ein Traum wäre, ein Albtraum – aber es ist keiner!
Denn als ihr Handy klingelt und sie den Ruf annimmt, setzt der Mann im Haus gegenüber ein diabolisches Grinsen
auf und winkt ihr zu. »Du hast vor 12 Monaten nicht daran gedacht, wie leicht man Handys orten kann,
Schätzchen«, sagt er. »Aber mit MobileSpy konnte ich das und sah dann ein grün blinkendes Pünktchen in der
Niemetzstraße 28.« Sein schallendes Lachen tönt wie ein Presslufthammer in Susannes Ohr. »Und jetzt will ich
deinen Arsch«, sagt er. »In fünf Minuten – genauso wie vor Jahr und Tag.« Dann legt er auf und verschwindet vom
Fenster.
»Das ist kein Scherz«, haspelt Susanne, »das ist jetzt echt.« Helge ist kein Spaßmacher, das war er auch damals
nicht. Auch kein Erfüller ihrer Fantasien. Er machte ernst. Er spielte mit ihrer Existenz, spielte abgebrüht mit ihrem
Ruf und der Möglichkeit, sie sozial zu vernichten. Susanne fühlt sich ohnmächtig. Sie fühlt sich gedemütigt.
»Polizei«, schießt es ihr durch den Kopf. Sie tippt 1-1-0 ein, zögert dann aber, die Verbindungstaste zu drücken. Sie
schluckt. Sucht etwas, woran sie sich festhalten kann. Ihre Hand ist schwer wie Blei, als sie zwischen ihren Beinen
ankommt. Sie lässt ihre Finger kreisen, holt tief Luft, einmal, zweimal. »Ich ...«, setzt sie an und versucht, ihren
gedachten Worten Klang zu geben. Aber sie scheitert, bringt nichts hervor. Hat keine Kraft mehr für ein »... will
das nicht.« Ihr Mittelfinger kreist verloren zwischen Vulva und Oberschenkel. 5 Minuten – einen kleinen Tod würde
sie sterben. Untergehen mit fliegenden Fahnen.
»Ja!«, seufzt sie resigniert. Und spürt an der Nässe in ihrem Schoß, dass sie längst bezwungen ist. Hört ihren
kurzen Atem, fühlt ihren feuerroten Kopf. Denken geht nicht mehr. Sie fühlt die Hitze in ihrem Unterleib, stammelt:
»Absurd!«, stammelt: »Völlig irre!« Und merkt, wie Helge längst eingedrungen ist in sie, obwohl er noch gar nicht im
Raum steht. Kein Rollenspiel. Keine getürkte Nummer. Alles ist ganz echt, ganz roh, ganz drastisch. Und weil da
nichts inszeniert ist, weil sie überdeutlich fühlen kann, was ihr passiert, schlägt ihr Gefühl um, kippt über in bizarre
Lust.
»Es ist wahr«, denkt sie, »es ist so gottverdammt wirklich« – und spürt den Kitzel seiner Macht und ihrer Ohnmacht.
Diesen seidenen Faden, an dem sie hängt wie eine Marionette. Dieses ausgebuffte Schwein! Er könnte sie in die
Gosse treiben. Alles zerstören, was sie im Leben aufgebaut hat. Weil er ihr Schutzschild aufgebrochen hat, ihre
Anonymität. Weil sie sich nicht mehr verstecken kann vor ihm. Er könnte ihr ein Messer an die Kehle setzen, ihr
Daumenschrauben anlegen – sie hätte keine Chance. Und wieder spürt sie es. Spürt, wie wahr alles ist, wie
authentisch. Spürt ganz live und wohlig die Gewalt, die er ihr antut. Spürt, wie er presst – und genießt das
Flammenmeer ihrer Geilheit.
Sie zieht sich aus, öffnet die Wohnungstür einen Spalt, so wie damals, kniet sich auf den Boden. Als sie seine
Schritte im Hausflur hört, die Stufe um Stufe lauter werden, drückt sie ihr Kreuz durch und richtet ihren Hintern
exakt im Winkel zur Tür aus. Ja! Sie würde sich freikaufen. So, wie er es wünscht: mit ihrem Arsch!
Es dauert eine kleine Ewigkeit, ehe sich die Tür öffnet. Und als Helge dann im Raum steht, sagt ...