Seitenblick Verlag Leseprobe Ich stehe gerade am Stand meines Verlegers, als Clea Wüst von der Klatschpostille »Promis privat« mit einem  Hochglanzlächeln im Gesicht den Gang entlang auf mich zustürmt. Reflexhaft sehe ich mich nach einer Deckung  um – was nichts mit ihrer Profession zu tun hat, denn als unbedeutende Randgruppen-Autorin bin ich außer  Gefahr, sondern vielmehr mit ihrem Ungestüm.  Wir wohnen im selben Hotel, und genau so schoss sie heute Morgen aus dem Hotellift, vor dem ich friedlich  wartend stand, und rannte mich über den Haufen. Ich wurde gleich niedergestreckt, während mein Notebook in  hohem Bogen durch die Luft flog, zehn Meter weiter auf den harten Marmorboden der Halle niederkrachte und  auseinanderbrach. Zu allem Überfluss schnauzte die Verursacherin des Unglücks bloß die zwei jungen Männer  in ihrer Begleitung an, packte einen der beiden am Arm und wetzte mit ihm zur Tür hinaus, ohne mich, die ich  verdattert auf dem Boden lag, und meinen zerschmetterten Travelmate auch nur eines Blickes zu würdigen. Der  andere junge Mann reichte mir immerhin seine schwitzige Hand, half mir ungeschickt auf und versprach  stammelnd, die Angelegenheit irgendwie zu regeln.  Der braun-beige gemusterte Seidenhosenanzug flattert unvorteilhaft um den Wüstschen Brünhilden-Körper,  während sie auf mich zubrettert, aber wenigstens zieht sie die Bremsen diesmal rechtzeitig, und ich werde mit  überschwänglicher Herzlichkeit begrüßt: »Wie schön, Frau Hoffmann, dass ich Sie hier treffe!« »So?«, mache ich reserviert, während sich meine Stirn in misstrauische Falten legt. »Was ist denn so schön  daran? Ist Ihnen eingefallen, dass Sie doch eine Haftpflichtversicherung haben und gar nicht hätten weglaufen  müssen?« »Meine Güte, sind Sie aber nachtragend!«, kritisiert sie. »Ihnen ist doch gar nichts passiert.« »Das konnten Sie aber nicht wissen, als Sie sich feige aus dem Staub gemacht haben.« »Jaja«, macht sie ungeduldig. »Aber da war gerade was Wichtiges im Gange. Ich hab Ihnen doch Peter  dagelassen.« »Oh, die stammelnde Schweißdrüse! Wirklich rührend!« Sie lacht, hakt sich vertraulich bei mir ein und führt mich ein Stück vom Stand weg. »Ich mach's wieder gut, ich  versprech's Ihnen. Ich hab schon einen neuen geordert, dasselbe Modell. Kommt spätestens morgen, okay?« »Von wegen! Da müssen Sie schon noch Schmerzensgeld drauflegen. Schließlich muss ich alles neu  installieren.« »Na gut, zweihundert. Aber damit ist die Sache dann gegessen, ja?«  »Okay«, brumme ich, woraufhin sie mir einen freundschaftlichen Schubs gibt und mit den Worten »Wir sehen uns im Hotel« losrennt.   Das Wiedersehen ereignet sich eher als erwartet. Noch am gleichen Abend, es ist kurz nach zehn, steht sie vor  meiner Tür. »Hi!«, grinst sie breit und hält triumphierend einen Karton hoch. »Ist schon da. Spitze, was?« Ich will ihr die Schachtel aus den Händen nehmen, aber sie hält sie fest. »Was ist? Wollen Sie mich nicht  reinbitten?« »Nun, es ist schon spät«, beginne ich taktvoll. »Wir hatten sicher beide einen anstrengenden Tag und ...« »Warum mögen Sie mich nicht?«, fragt sie geradeheraus. »Ich habe nicht gesagt, dass ich Sie nicht mag. Ich kenne Sie ja gar nicht.« »Deshalb bin ich ja hier«, sagt sie entwaffnend. »Damit wir uns kennenlernen.« »Hören Sie, ich will ja nicht unhöflich sein«, behaupte ich, obwohl ich natürlich genau das vorhabe, »aber ich  sehe keinen großen Sinn darin, die Bekanntschaft mit einer zu vertiefen, die für so ein Mistblatt schreibt.« »Nur weiter so!«, ermuntert sie mich eifrig nickend. »Wollen Sie mich gleich hier im Flur fertigmachen, oder  gehen wir rein und Sie bieten mir wenigstens einen Stuhl und einen Drink zu meiner Hinrichtung an?«  Jetzt muss ich doch lachen, was sie zum Anlass nimmt, die Tür etwas weiter aufzudrücken und sich an mir vorbei  ins Zimmer zu mogeln. Ohne Umstände geht sie zu einem der beiden Sessel, nimmt die darauf liegenden Bücher  herunter, stapelt sie auf dem Boden zu einem unordentlichen Turm auf und lässt sich mit einem erleichterten  »Ahhh!« in die Polster sinken. Dann zieht sie ihre halbhohen Pumps aus und fängt in aller Seelenruhe an, ihre  Füße zu massieren, während ich sie bloß erstaunt anglotze. »Jetzt stehen Sie da mal nicht so blöd rum«, tadelt sie mit einem nachsichtigen Unterton. »Ich hätte gerne 'nen  Whisky, wenn noch welcher da ist.«  »Ist Wüst eigentlich Ihr richtiger Name oder mehr so was wie ein Programm-Pseudonym?«, frage ich amüsiert,  mittlerweile ziemlich fasziniert von ihrer Dreistigkeit.  »Der richtige. Ist der Ruf erst ruiniert ...«, erwidert sie lächelnd. »Was ist jetzt mit dem Drink?«  Ich schließe die Minibar auf, leere eines der kleinen Fläschchen in ein Glas und reiche es ihr. »Ahh«, seufzt sie wieder, nachdem sie es in einem Zug geleert hat. »Das tut gut.«  Inzwischen habe ich den anderen Sessel leer geräumt und mich auch hingesetzt.   »Jetzt seien Sie nicht so langweilig«, mäkelt sie. »Trinken Sie mit mir.«  »Lieber nicht. Ich hatte vorhin schon 'ne Menge Wein.« »Wein ist kein anständiger Drink. Das zählt nicht.« »Bin gespannt, ob Sie Ihre Meinung ändern, wenn ich Ihnen erst mal auf die Schuhe kotze.«  »Um die zu treffen, müssten Sie aber näher kommen, nicht wahr?«, flirtet sie und streicht auffordernd über die  Armlehne ihres Sessels.    »Sind Sie etwa deshalb hier?« »Wer weiß?«, sagt sie sinnlich. »Kommt drauf an ...«   »Worauf?« »Ob Sie nur eine lebhafte Fantasie haben, oder ob Sie aus der Erfahrung schöpfen. Ich hab ein bisschen  recherchiert, was Sie so schreiben.« Regina Hoffmann: Messeabenteuer Regina Hoffmann: Messeabenteuer SM-Story, € 1,99 Umfang: 6500 Wörter, ca. 40 S. (die Seitenanzahl kann je nach Reader und eingestellter Schriftgröße abweichen) Erstveröffentlichung in der Anthologie “Bittersüße Lust”, Seitenblick Verlag, 2001 Inhalt   Während der Buchmesse begegnet die Heldin der Klatschreporterin Clea Wüst und verbringt eine lustvolle Nacht mir ihr. Ausgabe für Kindle-Reader oder Kindle-PC/Mac-Anwendung EPUB-Ausgabe mit Adobe-DRM, ISBN: 9783933540416